„Startups werden in der Schweiz zu wenig ernst genommen“

25.08.2017 12:34
Urs Häusler Christina Kehl

Christina Kehl und Urs Häusler vom Verband Swiss Finance Startups über die Notwendigkeit von Startupförderung, die Perspektiven des Finanzplatzes und ein Kamingespräch mit dem Bundesrat Schneider Ammann.

Wie sieht Ihre Utopie für die Schweizer Fintech-Szene aus? Wenn alles optimal laufen würde, was hätte sich bis 2022 geändert?
Christina Kehl (CK): Die Schweiz geht bis in Jahr 2022 einen mutigen Schritt und bekennt sich zu Fintech und zu Startups. Der Finanzplatz Schweiz hat sich zum Fintech Hub gewandelt. Startups sind wichtige Player auf Augenhöhe. Statt einer Dominanz der Banken finden wir ein ausbalanciertes Ökosystem, das Innovationkraft und Unternehmertum als Tugenden wertschätzt. Über nationale und internationale Standortkampagnen wird der Fintech & Startup Hub Schweiz selbstbewusst und lautstark promoted mit Rückendeckung seitens der Politik auf höchster Ebene. Startups werden nicht nur finanziell gefördert - über staatliche und privatwirtschaftliche Vehikel - sondern es wird auch über Bürokratieabbau und faire Steuermodelle zu Gründungen und Unternehmertum ermutigt. Die Schweiz - selbst klein, unabhängig und voller Talent - hat erkannt, dass sie selbst ein “Startup” ist, das sich in Zeiten der Digitalisierung auf der Weltbühne teilweise neu erfinden, definieren und positionieren muss und es auch kann.

Urs Häusler (UH): Schweizer Fintech-Startups bieten ihre Dienstleistungen weltweit erfolgreich an und setzen damit neue internationale Standards auf dem Finanzmarkt. Durch diesen Paradigmenwechsel hat der Schweizer Finanzplatz den Sprung ins Zeitalter der Digitalisierung geschafft und wird sich weiterhin unter den führenden Finanzzentren der Welt behaupten. Innerhalb der Schweiz wird weiter zu den grössten und wichtigsten Arbeitsplatzgaranten  zählen und die im Land verbleibenden Gewinne sowie das Steuersubstrat tragen massgeblich zur Wohlstandssicherung in der Schweiz bei.

Was sind die zwei oder drei wichtigsten Hemmnisse, die die Verwirklichung dieser Utopie derzeit verunmöglichen?
UH: Die Bürokratie steht uns im Weg. Statt Unternehmertum zu fördern, wird die Eigeninitiative von Gründern durch zu viele bürokratische Hürden ausgebremst. Wir müssen es schaffen neben der weltweiten Konkurrenz mehr aufzufallen, um Risikokapital von den wichtigsten VCs und PEs ins Land zu holen. Andere Standorte tun weitaus mehr, um sich international als Startup Hub zu positionieren.
Ein weiterer wichtiger Punkt sind internationale Talente. Unsere Hochschulen besitzen einen sehr guten Ruf und ziehen internationale Talente an. Diese werden mit Schweizer Steuergeldern ausgebildet und müssen teilweise mit Erhalt ihres Abschlusses das Land verlassen. Es wäre wichtig, diese Talente im Land zu halten, ihnen die Möglichkeit zu geben hier zu arbeiten oder gar selbst Firmen zu gründen.

CK:  Die vormals benannten Herausforderungen sind oftmals nicht finanzregulatorischer Natur. Es sind grösstenteils Hürden, vor denen alle Startups stehen - egal ob Fintech oder nicht. Teure und aufwändige Gründungen, wenig globale Promotion oder ein Steuersystem, das auf die Besonderheiten von Venture Capital keine geeigneten Antworten kennt - dies betrifft alle Startups. Auch störe ich mich an der immer wiederkehrenden Aussage: “Wir machen keine Industriepolitik”, wenn wir über Startupförderung sprechen. Zum einen ist “Startup” keine Industrie, Startups gibt es in jeder Industrie. Zum anderen stimmt die Aussage auch faktisch meines Wissens nicht, wenn man sich Fördermassnahmen im Tourismus oder der Landwirtschaft anschaut.

Wie beurteilen Sie grundsätzlich die der Erleichterungen, die seit 1. August in Kraft sind?
CK: Wir begrüssen diesen Schritt, insbesondere weil Bern auf die Bedürfnisse junger Unternehmen sehr schnell reagiert hat. Darüber hinaus sind die Erleichterungen natürlich zu begrüssen, da sie Startups erlauben schneller und effizienter zu arbeiten.
Aus meiner Sicht hätte man die Diskussion um die neue Fintech Regulation allerdings ein Kapitel weiter vorne beginnen müssen. Nämlich bei der Unterscheidung zwischen Bankwesen und Finanzwesen. Erbringt ein Startup heute Finanzdienstleistungen in der Schweiz, wird es schnell der staatlichen Regulation unterstellt, auch wenn es kein Bankgeschäft im eigentlichen Sinne betreibt.

UH: Die neuen Regelungen bürgen die Chance, dass die FINMA als Enabler neuer innovativer Geschäftsmodelle auf den Plan tritt. Die Praxis wird nun zeigen, ob sich diese Hoffnung realisiert, also ob die FINMA neue Geschäftsmodelle und Firmen nun effizient und schnell beurteilen und dann risikorecht regulieren kann.

Wo besteht noch Handlungsbedarf?
CK: Die neuen Fintech-Regeln befassen sich vor allem mit Crowdfunding-Modellen. Aus der Sicht von Swiss Finance Startups besteht aber auch in weiteren (ebenfalls regulatorischen) Bereichen Handlungsbedarf, wenn die Innovation im Finanzbereich vorangetrieben werden soll. So bleiben Themen wie die Segregation/Aussonderung von Publikumseinlagen, der angekündigte Bericht und die Vorschlage des Bundesrats in Zusammenhang mit Blockchain-Technologien sowie eine stete Kompatiblitätsprüfung von Schweizer Regulierung weiterhin auf unserer Agenda.
Zu sagen ist jedoch sicher auch, dass durch die neuen Fintech-Regelungen eine gewisse internationale Aufmerksamkeit erzielt werden konnte. Somit profitiert Fintech insgesamt als Branche und die Schweiz als Standort. Denn im Ausland wird ganz sicher wahrgenommen, dass die Schweiz in Sachen Regulierung versucht im digitalen Zeitalter anzukommen und neue Wege zu gehen. Viele andere Standorte - auch manche mit teilweise grösserer Startup-Szene - sind noch nicht so weit.

Wie beurteilen Sie allgemein die Situation im Parlament in Sachen Startups? Es gibt ja einige Vorstösse wie dasjenige zum Startup-Visum, die bis anhin allerdings nicht erfolgreich waren. Woran liegt dies?
UH: Insgesamt gibt es noch ein mangelndes Verständnis für die Startup-Szene als Ganzes. Startups werden noch nicht wirklich als Wirtschaftsfaktor und Jobmotoren wahrgenommen. Ausserdem, wenn es um das Thema internationale Talente geht, herrscht oft eine falsche Angst vor, dass Schweizern Jobs genommen werden könnten. Diese Angst ist völlig unbegründet. Wir wollen versuchen ein Verständnis dafür herzustellen, dass es hierbei um top ausgebildete Fachkräfte geht, die in der Schweiz wertschöpfend tätig sein und damit neue Arbeitsstellen schaffen könnten - auch für Schweizer.

CK: Auch wenn sich in den letzten Jahren, auch dank SFS einiges getan hat, wird die Stimme der Startups immer noch zu wenig gehört bzw. ernstgenommen. Natürlich erhalten wir heute mehr mediale Aufmerksamkeit als noch vor 2-3 Jahren, aber dies reicht noch nicht für nachhaltige Interessenbildung bei Parlamentariern. Traditionelle Industrien haben grosse Lobbyapparate, die in Bern und den Kantonen hervorragend vernetzt sind. Mit der voranschreitenden Digitalisierung kommen Startups in allen Bereichen wachsende Bedeutung zu, dies ist auf politischer Ebene allerdings noch nicht entsprechend reflektiert. Wir als SFS erheben nur einen Minimalbetrag von 100 CHF pro Jahr als Mitgliedsgebühr - hiervon lässt sich unsere Arbeit aber keineswegs finanzieren. So sind wir auf ständiges Fundraising angewiesen und können uns aus meiner Sicht viel zu wenig auf unsere eigentliche Aufgabe konzentrieren, die Interessenvertretung von Startups. Aber wir geben unser Bestes!

Wie sehen Sie die Schweizer Fintech-Szene momentan? Was sind die Stärken, was sind die Schwächen?
CK: Die Schweiz ist sehr stark im B2B-Bereich, was sicherlich an der langen Tradition als erfolgreicher Finanzplatz liegt. Viele Fintech-Unternehmer kommen aus dem Banking beziehungsweise haben dort angefangen und erkannt, an welchen Stellen es Verbesserungsbedarf gibt..

UH: Wir schon erwähnt spiegelt sich die lange Finanzplatztradition auch in den Betätigungsfeldern der Schweizer Fintech-Startups wieder. Unsere Startups sind stark in B2B-Lösungen in den Bereichen Wealth Management und Personal Finance. Aber auch in neuen Feldern wie Blockchain und Cryptocurrencies können die Schweizer Startups sich sehen lassen.

Wie steht die Fintech-Szene im internationalen Vergleich da?
CK: Die Schweiz hat ihr Potential noch nicht annähernd ausgenutzt. Wir haben einen der bedeutendsten Finanzplätze der Welt - noch. Doch in Sachen Fintech und Startups laufen uns derzeit andere Standorte den Rang ab, darunter solche, die keinerlei Finanztradition haben - siehe Berlin. Das muss uns einfach wachrütteln. Die moderne Finanzwelt gibt es ohne Fintech schlichtweg nicht. Das ist keine Zukunftsmusik, sondern bereits heute Realität. Jetzt ist die Zeit in der neue Standards gesetzt werden und die Schweiz spielt dabei noch zu wenig mit. Gerade in Sachen Security, RegTech und auch Blockchain sind wir sehr stark. Hinzu kommt der grosse Vertrauensvorschuss, den Schweizer Produkte weltweit geniessen. Wenn wir hier nicht schnell den Hebel ansetzen und dies massiv fördern, dann sind wir selbst schuld, wenn der Finanzplatz an sich an Bedeutung verliert. Es wird dann einzelne Gewinner geben, wie vielleicht Qumram, Ethereum oder auch andere grossartige Innovatoren. Doch der Finanzplatz an sich wird global gesehen an Boden verlieren, wenn Innovation weiter nur halbherzig betrieben wird.

Letzte Frage: Was sind die Highlights am Swiss Fintech Day?
CK: Das Schöne am diesjährigen Swiss Fintech Day ist, dass wir wirklich ein sehr breites Spektrum abbilden. Innovationen werden präsentiert, wir haben Workshops und Sessions zu verschiedenen Digitalthemen, ein Panel zum Thema Ökosystem, eines mit ausländischen Startup Hubs. Am Programm beteiligen sich Startups, Corporates, internationale Vertreter, Vertreter aus Politik und Verwaltung. Die Agenda ist damit so bunt und vielfältig wie das Ökosystem selbst. Auch gibt es meiner Meinung nach dabei keine Hierarchie, jeder Beitrag ist interessant und wichtig. Ich denke, hier findet jeder Teilnehmer sein persönliches Highlight. Mein ganz persönliches Highlight wird ein Fireside Chat mit dem Bundesrat sein, von Unternehmerin zu Unternehmer, darauf freue ich mich sehr.

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